Sitzstreik der vier Flüchtlinge vor dem Lünener Rathaus dauert an. MFH Bochum kritisiert den Umgang mit den Forderungen der Flüchtlinge

 20.07.2006

Presseerklärung der Medizinischen
Flüchtlingshilfe Bochum e.V.

Sitzstreik der vier Flüchtlinge vor dem Lünener Rathaus dauert an

Aus Protest gegen ihre menschenunwürdige Lebenssituation
protestieren seit dem 20.Juni vier Flüchtlinge vor dem Lünener
Rathaus. Sie weigern sich, zu viert in einem 24-qm-Zimmer zusammengepfercht
zu werden.
Die Medizinische Flüchtlingshilfe Bochum e.V. kritisiert den Umgang
mit den Forderungen der Flüchtlinge

Von Jahr zu Jahr verschlechtert sich die Lebenssituation der Flüchtlinge
in der Bundesrepublik Deutschland rapide. Psychosoziale Folgen von Flucht,
sowie Erfahrungen mit Ausgrenzung durch die deutsche Gesellschaft hinterlassen
vielfältige Auswirkungen auf die Gesundheit der hier lebenden Flüchtlinge
und MigrantInnen. Nicht selten haben sie massiv und langjährig unter
diesen negativen gesundheitlichen Folgen der belastenden Gesamtsituation
zu leiden.

Die Medizinische Flüchtlingshilfe arbeitet mit einem sozialmedizinischen
Ansatz und berücksichtigt in ihrer Arbeit stets auch die gesellschaftlichen
Faktoren von Krankheit.
Viele der KlientInnen, die unsere psychosoziale Arbeit in Anspruch nehmen,
stammen aus Kriegsgebieten oder flohen aus Gründen ethnischer, religiöser,
geschlechtsspezifischer oder politischer Verfolgung. Ein erhebliches Problem
für diesen Personenkreis besteht in den Aufenthaltsbedingungen hier,
die jede Aufarbeitung und Überwindung des Erlebten unmöglich
machen oder gar zu Retraumatisierungen führen.
Die Unsicherheit, die ständige Angst, ausgewiesen oder abgeschoben
zu werden, und die Einschränkungen, Entmündigungen und Abhängigkeiten,
die mit Residenzpflicht und Arbeitsverbot verbunden sind, verstärken
Krankheitszustände und verhindern Genesung.

Gerade in Bezug auf langjährig Geduldete (in Nordrhein Westfallen
ca. 63.000), sind gesetzliche und staatliche Beschränkungen Grund
für die schwierige Lebenssituation der Menschen.
“Geduldete Flüchtlinge“ gehören zu einer sozialbenachteiligen
Gruppe in diesem Land, verfügen allerdings über keine eigene
Lobby.

Eine Zusammenfassung der Lebensrealität der „geduldeten Flüchtlinge“:
Die Regeln und Gesetze, an die sich diese Menschen zu halten haben, sind
extrem belastend: Es ist schwer für sie, die Arbeitserlaubnis zu
erhalten. Die monatlichen Bezüge in Form der sog. “Hilfe zum
Lebensunterhalt” liegen 30% unterhalb des normalen Sozialgeldes.
Die Residenzpflicht, bei gleichzeitiger Unterbringung in unmenschlichen
Übergangsheimen, schränkt die Bewegungsfreiheit der Menschen
elementar ein.
All diese schwerwiegenden Einflüsse machen den “geduldeten
Flüchtlingen“ das Leben schwer, ihre Genesung unmöglich
und sie selbst körperlich und seelisch krank.

In diesem Kontext bleibt die Arbeit der Bundes- und Landespolitik skandalös.
Insbesondere die Beschränkungen des Zugangs zu einer angemessenen
Gesundheitsversorgung verletzen weiterhin täglich das Menschenrecht
auf körperliche und seelische Unversehrtheit.

Die Medizinische Flüchtlingshilfe ist der Meinung: Die deutsche
Asylpolitik macht Flüchtlinge krank.
Deshalb fordert sie sowohl Bund und Land als auch kommunale politische
Gremien auf, dass den Menschen mit jahrelanger Duldung, wie in dem Fall
der Flüchtlinge in Lünen, eine sichere Zukunftsperspektive geboten
werden muss. Dies bedeutet neben einem sicheren Aufenthaltsstatus die
Möglichkeit, seine Rechte auszuüben. Das Recht auf Arbeit, Wohnen
und Gesundheitsversorgung.