Hintergrund zum Projekt Re: Speech

Ein Medienprojekt der Medizinischen Flüchtlingshilfe Bochum e.V. zur Stärkung der Stimmen von Geflüchteten im flüchtlingspolitischen Diskurs im Ruhrgebiet

In den vergangenen zwei Jahren kam es zu einer starken Zunahme der Zahl der Geflüchteten in Deutschland und zu einer deutlichen Verschiebung des medialen und öffentlichen Diskurses über die Flüchtlingsthematik. Bis Oktober 2015 hatten im Jahresverlauf ca. 214.000 Geflüchtete in Nordrhein-Westfalen Zuflucht gesucht. Zwischenzeitlich erreichten zwischen 10.000 und 15.000 Menschen pro Woche Nordrhein-Westfalen, mehr als etliche andere europäische Staaten im gesamten Jahr bereit waren aufzunehmen.

Während sich vielerorts zivilgesellschaftliche Initiativen für die Unterstützung von Geflüchteten in Form von Willkommensinitiativen und ehrenamtlichen Gruppen herausbildeten, hatte auf der anderen Seite ein fremdenfeindlicher, rassistischer und rechtspopulistischer Diskurs zugenommen. Rechtsextreme und rechtspopulistische Gruppierungen und Parteien erhielten Aufschwung. Terroranschläge auf die Unterkünfte der Geflüchteten, Gewalt und Fremdenhass entwickelten sich - vergleichbar mit der Situation Anfang der 90er Jahre - zu einem massiven gesellschaftlichen Problem. In der politischen Debatte wurde ein erbitterter Streit um den Umgang mit Geflüchteten eröffnet, während auf lokaler Ebene die Verunsicherung vieler BürgerInnen durch rassistische Hetze und Gewalt weiter zunahm.

Im Angesicht der Debatte um Flüchtlingskontingente, Aufnahmegrenzen und die Sicherung der europäischen Außengrenzen geriet im öffentlichen Diskurs zunehmend außer Acht, unter welchen Umständen die Menschen, die zu uns kamen, geflohen waren und welches Schicksal vielen Geflüchteten drohte, wenn ihnen Hilfe versagt bliebe. Der weit überwiegende Anteil der Geflüchteten kam aus Bürgerkriegsregionen wie Syrien und dem Irak nach Deutschland. Viele von ihnen erlebten Menschenrechtsverletzungen, Willkür und Gewalttaten im Heimatland oder auf der Flucht. Viele litten unter den extremen traumatischen Erlebnissen und den Umständen ihrer erzwungenen Diaspora.
Indes waren Geflüchtete aus den Maghreb-Staaten seit den gewalttätigen Übergriffen auf Frauen zur Jahreswende in Köln und in anderen Städten von einer verstärkten öffentlichen Stigmatisierung betroffen. Das Bild des „kriminellen Nordafrikaners“ hatte sich medial durchgesetzt. Die Legitimität der Flucht aus ihren Heimatländern nach Deutschland wurde ihnen abgesprochen, ungeachtet der individuellen Situation der Betroffenen und der Tatsache, dass diese in vielen Fällen vor Gewaltstrukturen vor Ort, Verfolgung und Diskriminierung sowie unwürdigen Lebensumständen und massiver Armut geflohen waren.

Weite Teile der lokalen Aufnahmegesellschaft im Ruhrgebiet sind nur unzureichend über die Situation in den Heimatländern, die Fluchtgründe, das europäische und deutsche Asylsystem informiert und kommen kaum in Kontakt mit den Menschen, die hinter den Zahlen stehen. Aufgrund rechtlicher Restriktionen im Asylverfahren (z. B. hinsichtlich der Bewegungsfreiheit oder des Arbeitsmarktzugangs, fehlender Unterstützung beim Erlernen der deutschen Sprache, Unterbringung in ländlichen Gebieten mit schlechter Anbindung zum öffentlichen Nahverkehr etc.) finden sich im Alltag (Arbeit, Schule, Freizeit, Kultur, Öffentlichkeit) nur wenige Kontaktmöglichkeiten zwischen Deutschen und Geflüchteten. Die Unkenntnis und das Unverständnis für die Situation der Schutzsuchenden, fehlende persönliche Kontakte sowie sprachlich und kulturell bedingte Verständigungsschwierigkeiten verhindern oft die Bildung von Empathie für die Geflüchteten und tragen dazu bei, dass sich Vorurteile, Fremdenangst und Hass in der Gesellschaft ausbreiten bzw. festsetzen.

Der derzeitige zunehmend rauer werdende öffentliche Meinungsstreit wird begleitet von einer Zunahme an gewalttätigen und terroristischen Übergriffen durch Rechtsextreme. Die Übergriffe auf Einrichtungen für Geflüchtete haben sich im Jahr 2015 in NRW verachtfacht. Rechtspopulistische und rechtsextreme Meinungen dominieren die sozialen Netzwerke und die Kommentarspalten von Artikeln der regionalen Zeitungen zur Flüchtlingsthematik. Häufig werden dabei rassistische Thesen durch radikale Verallgemeinerungen und die Schilderung frei erfundener oder stark übertriebener Erlebnisse untermauert. Eine sachliche Debatte, welche ohne Pauschalisierungen auskommt und dem Einzelfall Beachtung schenkt, wird zunehmend unmöglich.

Die, um die es eigentlich geht, kommen indes in der öffentlichen Debatte selbst kaum zu Wort. Sie sind das Objekt einer politischen Auseinandersetzung, ohne aber die Möglichkeit zu erhalten, selbst daran teilzunehmen, eigene Positionen zu entwickeln und mitzuteilen sowie ihre persönlichen Erfahrungen, ihr Wissen, ihre Wünsche, Nöte und Ideen einzubringen.

Eine große Barriere besteht darin, dass ihnen die Zugangsmöglichkeiten versagt bleiben, da Kontakte und Netzwerke in die Aufnahmegesellschaft hinein fehlen und sprachliche Hürden eine Beteiligung am öffentlichen Diskurs deutlich erschweren. Zudem sind viele Geflüchtete durch die für sie fremde und äußerst schwierige soziale Situation sowie die unklare Rechtslage zurückhaltend und befürchten persönliche Nachteile durch eine aktive Beteiligung am politischen Diskurs. Durch direkte Anfeindungen, Bedrohungen und tätliche Angriffe werden sie zusätzlich eingeschüchtert.
Aufgrund der hier skizzierten Problemlage besteht ein besonderer Bedarf an Aktivitäten, die im Projekt Re: Speech stattfinden sollen:

  • Teilhabemöglichkeiten an der gesellschaftspolitischen Debatte für Geflüchtete schaffen, ihnen die Kompetenzen vermitteln und Medien und Werkzeuge zugänglich machen, damit sie diese wahrnehmbar nutzen können.
  • Mit der Integration der Sichtweisen von Menschenrechts- und Basisaktivisten unter den Geflüchteten eine differenzierte Auseinandersetzung mit der Menschenrechtslage in ihren Heimatländern und auf der Fluchtroute fördern.
  • Rassistischer Stigmatisierung, Hassreden und Anfeindungen mit Mitteln des politischen Diskurses wirksam entgegentreten, Einblicke in die Lebenssituationen von Geflüchteten im Ruhrgebiet und die Gründe ihrer Flucht ermöglichen und so Verständnis und Empathie einerseits fördern und andererseits die flüchtlingspolitische Debatte versachlichen.
  • Einen Raum für politische Kommunikation für die lokale Bevölkerung und geflüchtete Menschen schaffen, in dem eine gemeinsame Auseinandersetzung mit den Themen Flucht und Asyl möglich wird, den Geflüchteten gegenüber feindlichen Legenden und der Stereotypisierung zu deren Entkräftung andere Sichtweisen, Erzählungen und Berichte gegenübergestellt werden können und in denen der Weg für eine Stärkung der sachlichen gesellschaftlichen Debatte eröffnet werden kann.

Das Projekt Re: Speech richtet sich an Geflüchtete im Ruhrgebiet, die Interesse an journalistischer Arbeit haben. Ziel ist es, eine mediale Plattform zu schaffen, auf der die Geflüchteten ihre kritischen Beiträgen zur deutschen Flüchtlingspolitik sowie Analysen und Reportagen zur internationalen Politik und Menschenrechtsfragen, die in Zusammenhang mit Fluchtursachen und Fluchtwegen stehen, veröffentlichen können.

Hierfür werden im Rahmen der Umsetzung eines partizipativen Bildungs- und Entwicklungsprozesses die Handlungskompetenzen und Möglichkeiten der TeilnehmerInnen zur aktiven Teilhabe an und Mitgestaltung von politischen Meinungsbildungsprozessen verbessert und ein konkretes gemeinsames Medienprojekt umgesetzt. Die TeilnehmerInnen des Projekts erhalten die Möglichkeit, sich die Kompetenzen und Methoden anzueignen und diese erfolgreich in der Praxis anzuwenden, um auf diese Weise an den lokalen asyl- und flüchtlingspolitischen Debatten aktiv teilhaben zu können und wahrgenommen zu werden. Ihnen kommt dabei eine starke multiplikatorische Funktion zu.

Das Projekt wird gefördert von der Bundeszentrale für politische Bildung, der Amadeu Antonio Stiftung und der Aktion Selbstbesteuerung.

Ansprechpartner für das Projekt Re: Speech:

Ismail Küpeli
Projektkoordinator ReSpeech
i.kuepeli@mfh-bochum.de
Tel.: 0234 9041382

Medizinische Flüchtlingshilfe Bochum e. V.

Dr.-Ruer-Platz 2
44787 Bochum
www.mfh-bochum.de